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Energiewende  Sendung vom 19.07.2012 [Archiv]

Zu teuer, zu langsam, zu unsicher

Geht der Ökowende schon die Energie aus?

Gerade mal zwei Monate ist Peter Altmaier im Amt - und hat in den vergangenen Tagen mit spektakulären Interviews für eine Menge Verwirrung gesorgt: Wenn Deutschland sein ehrgeiziges Ziel, die Energiewende, wirklich erreichen wolle, so der neue Bundesumweltminister, dann bedürfe es "riesiger Anstrengungen". Bei "maybrit illner" verteidigte der Minister seine Arbeit und seine Äußerungen. 

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat die umstrittene Netzentgeltbefreiung für Unternehmen verteidigt. Deutschland müsse seine Arbeitsplätze schützen, sagte Altmaier am Donnerstag in der ZDF-Sendung "maybrit illner". Da sei es bei den Energiekosten "schon wichtig" zu schauen, wie groß die Belastung für Unternehmen im Vergleich zu den Konkurrenten in Frankreich, Dänemark, den Niederlanden oder in Italien ist. Ein so entscheidendes Projekt wie die Energiewende dürfe "auch was kosten". Ziel bleibe es jedoch, die Energiepreise für alle bezahlbar zu halten, betonte der Minister.

Gäste bei "maybrit illner" am 19. Juli 2012

Peter Altmaier

Peter Altmaier / Quelle: ZDF

Peter Altmaier ist seit zwei Monaten (22. Mai 2012) Nachfolger von Norbert Röttgen als Bundesumweltminister. Er zeigt sich in einem "Bild am Sonntag"-Interview kritisch beim Thema Energiewende: "Als verantwortlicher Minister kann ich nur sagen: Da sind Fehler gemacht worden. Diese Fehler müssen wir jetzt korrigieren." Er fügt hinzu: "Bei der Frage, ob es mir gelingt, die Energiewende flott zu machen, wird sich entscheiden, ob ich ein guter und erfolgreicher Umweltminister bin."

Boris Palmer

Boris Palmer / Quelle: ZDF

Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) ist Oberbürgermeister von Tübingen. Der Grünen-Politiker beklagt grundsätzlich: "Strom-Großverbraucher werden von den Kosten der Energiewende frei gestellt. Die Rechnung bezahlen private Haushalte und kleine Gewerbetreibende. Die Industrie wird subventioniert und der Verbraucher muss zahlen – so erhält die Energiewende natürlich keinen Rückhalt bei der Bevölkerung."

Matthias Kurth

 Matthias Kurth  / Quelle: ZDF

Matthias Kurth war von 2001 bis Februar 2012 Präsident der Bundesnetzagentur. Er warnt seit Wochen: "Der Härtetest für die Energiewende steht in Deutschland erst in sechs bis sieben Jahren bevor. Das eine oder andere ist lösbar, aber vor allem die Kostenexplosion für die Stromkunden hat noch niemand im Griff!"

Ursula Sladek

Ursula Sladek  / Quelle: ZDF

Ursula Sladek gilt als "Strom-Rebellin". Für die Gründung der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) - dem ersten deutschen genossenschaftlich organisierten Stromunternehmen auf Basis erneuerbarer Energien -  wurde sie bereits mehrfach geehrt. So zum Beispiel 2011 in den USA mit dem sogenannten grünen Nobelpreis, dem Goldman Environmental Prize. Sladek hatte als Reaktion auf die atomare Katastrophe von Tschernobyl gemeinsam mit anderen Anti-Atomaktivisten 1997 das Stromnetz des Orts mit 2500 Einwohnern gekauft und seitdem zu einem führenden Ökostrom-Anbieter mit über 100.000 Kunden ausgebaut.

Heute sagt sie: "Die Äußerungen des Umweltministers sind ein schlechtes Signal. Wenn man die Energiewende wirklich schaffen möchte, dann muss man optimistischer an die Sache ran gehen. Seit dem Beschluss im letzten Jahr ist auch seitens der Bundesregierung viel zu wenig passiert."

Wolfram Weimer

Wolfram Weimer / Quelle: ZDF

Der frühere Chefredakteur der Magazine "Cicero" und "Focus", Wolfram Weimer, ist nun  Verleger und freier Publizist. Er beurteilte die Energiewende schon immer skeptisch: "Mit dem überhasteten Atomausstieg fahren wir gegen die Wand. Wir haben nichts gewonnen. Der Einsatz der Kohlekraftwerke schädigt das Klima, die Wirtschaft läuft Gefahr, auf Grund der hohen Energiekosten ihre Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen und der Verbraucher zahlt einen hohen Strompreis." Weimer prognostiziert die Wende von der Energiewende: "Der Atomausstieg nach Fukushima war dem deutschen Alarmismus geschuldet. Jetzt versucht die Regierung, ihre Fehler zu korrigieren und Zeit zu gewinnen."

Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer warf der Bundesregierung vor, die Stromendverbraucher nicht ausreichend zu informieren. "Was mir nicht gefällt, ist, dass man einerseits die Wirtschaft weiter entlastet, als sie es bräuchte, und sich am nächsten Tag darüber empört, dass dann logischerweise die Privatkunden die Rechnung dafür bezahlen", sagte Palmer mit Blick auf die Debatte um bezahlbaren Strom für sozial Schwache. Entscheide man sich für die Entlastung der Wirtschaft, müsse man das dem Endverbraucher sagen.

Zu teuer?

Ursula Sladek, Strom-Rebellin und Gründerin der Elektrizitätswerke Schönau (EWS), lehnte die Sündenbockrolle der erneuerbaren Energie für die steigenden Strompreise ab. Es gäbe längst Studien, die zeigten, dass bereits mittelfristig die Preise durch den Einsatz regenerativer Energien sinken werden. Insgesamt sei es aber richtig, dass so eine große Aufgabe auch was kosten dürfe. Sladek schlug zur Entlastung der Gering-Verbraucher und als Anreiz zum Stromsparen lineare Tarife vor. "Man könnte den Stromtarif so gestalten, dass Wenig-Verbraucher entlastet würden. Der, der wenig verbraucht, zahlt auch wenig. Wenn ich keine Kilowattstunde verbrauche, möchte ich trotzdem unter 20 Euro bezahlen", so die Strom-Erzeugerin.

Eine Verharmlosung der Strompreisentwicklung warf der ehemalige Chef der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, der Bundesregierung vor. "Bei den Kosten hat man, glaube ich, einen Fehler gemacht", sagte Kurth. Versprochen worden sei, dass die Umlage für die erneuerbaren Energien bei 3,5 Cent bleibe. "Ich habe damals schon meinen Augen nicht getraut, als ich das gelesen habe", so Kurth, der sein Amt im Februar diesen Jahres aufgab.

Zu schnell?

Insgesamt hält Kurth die Geschwindigkeit, mit der die Ziele der Energiewende erreicht werden sollen, für zu hoch. Die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energie sei vorerst eine Illusion. So brauche es 15 bis 20 Jahre, ehe ausreichend Speicherkapazität etwa für Windstrom da sei. "Wir müssen uns überlegen, was wir die nächsten zwei, drei Winter machen", sagte Kurth. Deutschland könne froh sein, dass es noch ein paar Kohlekraftwerk-Projekte habe. 

Wolfram Weimer, freier Publizist und Verleger, kritisierte ebenfalls das angedachte Tempo der Energiewende. Deutschland solle sich mehr Zeit lassen, ähnlich wie die Schweiz. Es sei mit massiven Preisproblemen zu rechnen, immerhin rede man dabei über Milliarden-Kosten. Der Wirtschaftsstandort Deutschland sei dadurch ernsthaft gefährdet. Weimer hoffte darauf, dass schnellstmöglich ein eigenes Energieministerium gebildet werde. Auch die europaweite Koordination der Energie- und Stromversorgung sei längst überfällig.

19.07.2012

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30. Mai 2013 22:15


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