Von Petra Philippsen, New York76 schier endlose Jahre musste das Mutterland des Tennissports Großbritannien warten, dann erlöste sie ein Schotte. Andy Murray hat mit seinem Sieg bei den US Open auch sich selbst von einer Last befreit – dank der Hilfe von Ivan Lendl.Als der Return von Novak Djokovic hinter der Grundlinie aufschlug, ließ Andy Murray seinen Schläger fallen und sank zusammen. So niedergekniet ballte er im stillen
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„Ich bin so froh und erleichtert, dass ich es geschafft habe.”
Andy Murray
Triumph beide Hände zu Fäusten, während ihn die ersten Tränen übermannten. 4:54 Stunden hatte es gedauert, bis er im Finale der US Open mit 7:6, 7:5, 2:6, 3:6 und 6:2 seinen ersten Grand-Slam-Titel gewann. Doch eigentlich hatte Murray schon sein ganzes Leben lang auf diesen einen Moment gewartet. Nun war die Warterei vorbei, auch für Großbritannien. Nach 76 Jahren haben sie wieder einen Champion auf der Insel.
Fred Perry in die Geschichtsbücher verbannt"Ich bin so froh und erleichtert, dass ich es geschafft habe", sagte Murray später, "und ich hoffe, jetzt stellt mir niemand mehr diese dämliche Frage nach Fred Perry." Der letzte britische Sieger, der fast schon wie ein verfluchter Geist über den nächsten Generationen von heimischen Tennisspielern schwebte, ist also endlich in die Geschichtsbücher entschwunden. Und der Moment unter dem Flutlicht im Arthur-Ashe-Stadium gehörte nur noch Andy Murray, dem Schotten aus Dunblane.
Er wischte die Tränen weg und schaute hinüber zu seiner Box, wo sich seine Mutter Judy und Freundin Kim selig mit seinem Fitnesstrainer und dem Physiotherapeuten in den Armen lagen. Der ehemalige Bond-Darsteller Sir Sean Connery tänzelte sogar ausgelassen vor Freude. Sein Trainer, Ivan Lendl, stand dagegen stoisch da. Er reckte kurz den Daumen hoch und klatschte Murray dreimal zu. Für den gebürtigen Tschechen kam das einem Gefühlsausbruch gleich.
"Ich habe wohl schon zu viel von Ivan gelernt"Bei der Siegerehrung verzog Lendl dann aber doch ein wenig die Mundwinkel und Murray kommentierte trocken: "Das war ja fast ein Lächeln, Ivan..." Obwohl es dem
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„Ich wollte nicht der sein, der zum ersten Mal fünf Finals verliert.”
Andy Murray
52-Jährigen schwer fiel, es zu zeigen, so wusste Murray dennoch, wie stolz er auf ihn war. Die Chemie zwischen ihnen stimmt, sie haben beide den gleichen schwarzen Humor und freuen sich lieber nach innen als nach außen. "Ich habe wohl schon etwas zu viel von Ivan gelernt. Tut mir leid", entgegnete er süffisant einem Journalisten, der fragte, warum Murray eigentlich aussähe, als habe er verloren.
Lendl und er hatten sich gesucht und gefunden. Sie teilten das gleiche Schicksal, sie hatten ihre ersten vier Grand-Slam-Finals verloren, doch Lendl gewann danach noch acht Titel. "Ich wollte nicht der sein, der zum ersten Mal fünf Finals verliert", so Murray.
Andy Murray
geboren: 15. Mai 1987, Dunblane, Schottland
Profi seit: 2005
größte Erfolge: Olympiasieg 2012; US-Open-Sieg 2012;
US-Open-Finale 2008; Finale Australian Open 2010 und 2011; Finale
Wimbledon 2012
Titel insgesamt: 24
Keine Zweifel mehr nach Olympia-GoldLendl hatte an ihn geglaubt, ihn bestärkt, ihm in den letzten Monaten viel zugeredet. Und Murray hatte ihm zugehört. Besonders, als er vor acht Wochen im Wimbledon-Finale unterlag. "Ein paar Tage lang habe ich mich gefragt, ob ich jemals einen Grand-Slam-Titel gewinnen würde", erinnert sich Murray. Lendl vertraute darauf, und nach dem Gewinn der olympischen Goldmedaille zweifelte auch Murray nicht mehr. Eine Menge Druck war weg, und New York schien seine große Chance zu sein.
Ohne den verletzten Rafael Nadal und Roger Federer, der im Viertelfinale ausschied, fehlten die beiden dominierenden Spieler dieser Ära. Blieb noch Djokovic, der vier der letzten sieben Grand-Slams gewonnen hatte. Mit einem Kraftakt rang Murray die Nummer zwei der Welt nieder, und dass er dabei alles aus seinem Körper herausgequetscht hatte, zeigte sich hinterher, als er in etwa so unrund lief, wie der 82-jährige Connery die Treppen hinauf.
Längster Tiebreak der US-Open-GeschichteEs waren schwierige Bedingungen gewesen, und lange Zeit hatte das Spiel durch die extremen Windböen auch wenig mit Tennis zu tun. Beide mussten ihre
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„Andy, du hast dir deinen ersten Grand Slam wirklich verdient.”
Novak Djokovic
Aufschlagbewegung und ihre Ball-Antizipation anpassen, kein leichtes Unterfangen. Murray gelang es eigentlich besser, doch er war nervös. Ein epischer Tiebreak von 24 Minuten, der längste der US-Open-Geschichte, entschied den ersten Durchgang. Murray preschte danach mit 4:0 vor, ließ Djokovic noch zum 5:5 herankommen, doch ihm gelang das Break. Zweieinhalb Stunden hatten die beiden Defensivspezialisten da schon gespielt, mit Ballwechseln von bis zu 55 Schlägen.
Keiner übernahm die Initiative, beide warteten meist auf den Fehler des anderen. Dennoch drehte Djokovic nach dem 0:2-Rückstand plötzlich auf, glich in Sätzen aus. Und als die 23.000 Zuschauer schon fürchteten, Murrays Traum würde auf den letzten Metern zerplatzen, fand er seine Sicherheit wieder. Djokovic ging merklich die Puste aus, dem entthronten Titelverteidiger blieb nichts, als Murray zu gratulieren: "Andy, du hast dir deinen ersten Grand Slam wirklich verdient." Und wie aufs Stichwort tönten Dudelsackklänge aus den Lautsprechern der Arena.