von Reinhard KrennhuberWenn die ÖFB-Nationalmannschaft am Dienstag gegen Deutschland im Wiener Happel-Stadion aufläuft, wird kaum ein Spieler aus der österreichischen Bundesliga dabei sein. Immer mehr Talente wechseln ins Ausland. Viele bescheinigen dem Vereinsfußball in Österreich deshalb einen Qualitätsverlust. Die Trainer mahnen, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren. Mangelnde Ausgeglichenheit konnte man der österreichischen Zehnerliga in der vergangenen Saison beileibe nicht attestieren. Fünf Runden vor dem Ende trennten den Tabellenführer und den Siebenten gerade einmal zehn Punkte. Das Rennen machte schließlich Red Bull Salzburg vor Rekordmeister Rapid Wien und Aufsteiger Admira Wacker. Die Traditionsvereine Austria Wien und Sturm Graz, im Vorjahr noch Champion, mussten sich mit den Plätzen vier und fünf zufrieden geben und qualifizierten sich nicht für den Europapokal.
7000 Fans im SchnittAuf die Zuschauerzahlen hat sich das ausgeglichene Titelrennen jedoch nicht positiv niedergeschlagen. Durchschnittlich passierten 2011/12 nur rund 7.100 Fans die Drehkreuze der Bundesliga-Stadien, ein Rückgang um neun Prozent gegenüber der Vorsaison. 2007/08, als die Heimeuropameisterschaft vor der Tür stand, waren es gar noch um knapp ein Viertel mehr gewesen. Regelmäßig gefüllt sind die Ränge in Österreich einzig bei Rapid, aber auch die durchschnittlich 16.200 Zuschauer im Hanappi-Stadion sind im internationalen Vergleich nicht gerade beeindruckend.
Ähnlich geht es den österreichischen Vereinen in den internationalen Wettbewerben. Seit Rapid 2005 hat sich kein Klub mehr für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert, während Teams aus Tschechien, Dänemark, Rumänien und Zypern dies sehr wohl gelang. Meister Red Bull Salzburgs Scheitern hat fast schon Tradition, dieses Mal leistete sich der Klub von Dietrich Mateschitz die Peinlichkeit eines Ausscheidens gegen den luxemburgischen Champion F91 Düdelingen. Während auch Ried und Admira früh in der Europa League ausschieden, qualifizierte sich Rapid für die Gruppenphase. Platz 15 in der UEFA-Fünfjahreswertung, der Österreich zwei Plätze in der nächstjährigen Champions-League-Qualifikation sichert, scheint nach den durchwachsenen Auftritten aber schon verloren.
Der trügerische Blick nach DeutschlandAls Grund für diese Entwicklung wird immer wieder genannt, dass österreichische Spieler früher und häufiger ins Ausland wechseln. Die Trainer wollen deshalb aber nicht alles schlecht reden. »Wir sind keine Grottenliga«, sagt Peter Stöger, Ex-Internationaler und seit Beginn der Saison Trainer bei Austria Wien. »Rapid und Austria haben in den letzten Jahren zusammen eine Topmannschaft ins Ausland verloren.« Die Austria könne einen Spieler wie Zlatko Junuzovic, der im Winter zu Werder Bremen ging, nicht halten, meint Stöger. »Bei Bremen verdient er das Fünffache, wir könnten ihm das nicht annähernd zahlen. Da verlierst du an Qualität.«
Peter Schöttel, Stögers Pendant beim Stadtrivalen Rapid, plädiert für eine realistische Selbsteinschätzung. »Wir müssen aufhören, den Vergleich mit Ländern wie Deutschland zu suchen. Mein Co-Trainer schaut sehr viel polnische und norwegische Liga. Das sind unsere Vergleichswerte. Wenn man sich deren Budgets und das Liganiveau anschaut, steht Österreich nicht so schlecht da.«
Hang zum SchlechtredenTatsächlich scheint der Hang der Österreicher zum Schlechtreden der eigenen Situation ein Teil der Misere. Denn im Vergleich mit den 1990er und frühen 2000er Jahren hat sich die Lage in einigen Punkten durchaus verbessert: Die Zeit der teils windigen Mäzene wie Hannes Kartnig und Frank Stronach ist vorbei ebenso wie jene der Vereinskonkurse, die mit dem FC Tirol und dem Grazer AK selbst Meister betroffen haben.
Zudem werden in der heimischen Bundesliga viel mehr Österreicher eingesetzt als noch vor zehn Jahren. Beinahe alle Vereine investieren ihr Geld lieber in den eigenen Nachwuchs als in vermeintliche Sensationstransfers, selbst ein Provinzverein wie der SV Mattersburg kann eine 13 Millionen Euro teure Akademie sein Eigen nennen. Zum Abschluss der aktuellen Transferperiode hatten Österreichs Erst- und Zweitligavereine 495 Spieler unter Vertrag, 418 davon sind Österreicher. Dem einen oder anderen könnte schon bald der Sprung nach Deutschland oder in eine andere große Liga gelingen. Die Ligazuschauer werden sich daran gewöhnen – und das Nationalteam kann davon nur profitieren.