Witze über Behinderte: Auf zu neuen Grenzen?
Frankie Boyle pulverisiert Tabuzone
von Jan KampmannAls die saudi-arabischen Athleten bei der paralympischen Eröffnungszeremonie ihre Flagge ins Stadion trugen, war das ein historischer Moment und eine große Chance für die Sportler des Landes. Frankie Boyle, einer der polarisierendsten Comedians in Diensten des britischen TV-Senders Channel 4, sah darin ebenso eine Chance. Die Chance, auf Twitter einen Witz über die amputierten Athleten abzusetzen und mit 140 Zeichen gleich zwei Tabuzonen zu pulverisieren: Politische Korrektheit in punkto Mittlerer Osten und Behindertensport. Die Steilvorlage verwandelte der Provokateur mit annähernd einer Million Followern mit der Vermutung, dass "anscheinend die meisten saudi-arabischen Athleten Diebe sind." Ein Tiefschlag in Richtung Rechtssystem des Wüstenstaats, in dem Diebstahl mit der Amputation der Hand bestraft werden kann.Nicht-Behinderte dürfen anscheinend nicht mit Behinderten lachen Der Schotte sah in der Folge genüsslich zu, wie in der Twittersphäre eine Empörungslawine über ihn hereinbrach. "Normalerweise ignoriere ich solche Idioten, aber das war zu viel", wetterten einige User, während andere konkreter wurden: "Witze über Behinderte zu machen ist nicht in Ordnung." Boyle blieb cool und rechtfertigte seine Bemerkungen als "nicht diskriminierend, sondern feierlich" und findet es schade, "dass Nicht-Behinderte anscheinend nicht mit Behinderten lachen dürften."Doch tragen Späße über makabre Strafrituale oder Taliban-Vergleiche bei Hochspringern, die Boyle ebenfalls vom Stapel ließ, wirklich zur Gleichberechtigung bei, weil es mitunter Humor ist, den wir genauso bei Blondinen- oder Ostfriesenwitzen tolerieren? Boyle geht es um Schocker, nicht um gute WitzeAuch hier spalten sich die Meinungen. Der Contergan geschädigte ZDF-Paralympics-Experte Matthias Berg glaubt zwar, dass Normalität erst dann erreicht ist, "wenn wir Witze über Behinderte machen können." Als ihm ZDFsport.de Boyles Tweet unter die Nase hält, zeigt er sich jedoch wenig beeindruckt: "Geschmacklos und billig – das kann man nur ignorieren", urteilt der Ex-Paralympionike. In die gleiche Kerbe schlägt Dominic Hyams, der an der Glasknochenkrankheit leidet und nach einer Reisedoku nun auch bei den Paralympics für Channel 4 arbeitet: "Ihm geht es darum, sein Schocker-Image zu festigen, nicht um gute Witze."
Was aber ist für Medien-Persönlichkeiten wie Matthias Berg guter Humor? Der Dortmunder adelt den an Multipler Sklerose erkrankten Cartoonisten Phil Hubbe: „Der ist oberste Liga, weil Alltagsprobleme skurril dargestellt werden.“ Auf einen vernünftigen Witz angesprochen, fragt der studierte Jurist, warum Blinde so gerne Mohnbrötchen essen und löst im gleichen Atemzug auf: „Weil da so viele Geschichten draufstehen“. Und dann verrät er uns der Mann mit den kurzen Armen noch seine Lieblings-Diät: „Ausschließlich Finger-Food.“ Die Kollegen lachen, die Gesichtszüge entgleiten niemand.Zweischneidiges SchwertDoch können Nicht-Behinderte überhaupt gute Witze über Behinderte machen, wenn ihnen das Insider-Wissen fehlt? Das bedeutet, dass viele Behinderte humorvoll in die Offensive gehen sollten – schon um bei der ersten Begegnung das Eis zu brechen. Doch ob nun Eis gebrochen wird oder eine moralische Grenze, liegt im Auge des Betrachters, betont James Ballardie, offizieller Paralympics-Blogger bei Channel 4: "Ich finde Boyle witzig, derbe Sprüche sind eben sein Style und Humor", sagt der Rollstuhlfahrer. Denn auf Twitter finde man noch weitaus härtere Jokes und die Athleten würden sich untereinander auch nicht mit Samthandschuhen anfassen.Es scheint ein zweischneidiges Schwert zu bleiben: Boyles Äußerungen mögen geschmacklos gewesen sein und ihn einmal mehr seinen Job gekostet haben. Die Diskussion, die seine Grenzüberschreitung losgetreten hat, könnte sich dagegen noch als produktiv erweisen.
03.09.2012
ZITAT
„Ich finde Boyle witzig, derbe Sprüche sind eben sein Style und Humor.”James Ballardie, Blogger





