Paralympics
Und raus bist du - Deutsche Athleten als Streichopfer
VideoBahnrad: Tobias Graf will Medaille
von Torsten Haselbauer59 Jahre alt ist Marianne Buggenhagen, an fünf Paralympics hat sie schon teilgenommen und neun Goldmedaillen gewonnen. So leicht ist die erfahrene Kugelstoßerin und Diskuswerferin eigentlich nicht aus der Balance zu werfen. Doch jetzt, kurz vor ihrem Start bei den Paralympics in London, regt sich die erfolgreiche Athletin mächtig auf.Marianne Buggenhagen, die seit ihrem 23. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt, wird in London nur zum Kugelstoßen antreten können. Ihre Paradedisziplin, das Diskuswerfen, wurde in den Schadensklassen F 54/F55/F56 aus dem Programm gestrichen. So hatte es das IPC (Internationale Paralympische Komitee) den Athleten in einem Brief vor acht Monaten fast beiläufig mitgeteilt. „Ich bin schwer enttäuscht und fühle mich immer noch betrogen. Ich kann nicht verstehen, warum der Deutsche Behindertensportverband das mit sich machen lässt“, klagt Buggenhagen gegenüber ZDF.de.Wenig Einfluss
Julius Beucher kann die Erregung der Athletin gut nachvollziehen. Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) weiß am besten um die gremienpolitische Bedeutungslosigkeit des größten Behindertensportverbandes der Welt. „Wir sind in den internationalen Ausschüssen des Behindertensports nicht vertreten. Da wird nicht mit uns, sondern oft gegen uns entschieden“, räumt Beucher gegenüber ZDF.de ein. Im IPC-General Board, dem Präsidium des Internationalen Paralympischen Verbandes, verfügt Deutschland weder über Sitz noch Stimme. Lediglich im Finanzausschuss findet sich mit Michael Rosenbaum ein DBS-Vertreter. Das ist zu wenig und das weiß auch Beucher. Der Präsident kündigt jetzt an, „das möglichst schon auf der nächsten IPC-Wahlversammlung in nächsten Jahr zu ändern“.Raus ohne BegründungMit mehr deutschem Einfluss hätte sicher auch die Eliminierung des Diskuswerfens in den drei Schadensklassen verhindert werden können. Zwar bestreitet niemand im paralympischen Leistungssport mehr, dass eine Straffung der unzähligen Wettbewerbe in den weit verzweigten Schadensklassen sinnvoll ist. Doch in dem Diskus-Fall fehlt eine gute Begründung. „Das ist einer der attraktivsten Wettbewerbe auf hohem sportlichem Niveau. Ich vermute, hier haben eindeutig nationale Interessen eine Rolle gespielt. Im Behindertensport werden viele Medaillen am grünen Tisch vergeben“, mutmaßt Ralf Otto, der 14 Jahre lang als Teamchef Leichtathletik bei den Paralympics dabei war.
Ottos Vermutung hat gute Gründe. Es sind vor allem Sportlerinnen aus Großbritannien, die die verbleibenden Diskuswettbewerbe in den Schadensklassen 51 bis 53 und 57 und 58 dominieren. Für die Paralympics in London sicher keine schlechte Athletenkonstellation. „Eine Zusammenlegung aller Diskus-Schadensklassen wäre die attraktivere und fairere Lösung gewesen“, meint die frustrierte Buggenhagen.Zehn Medaillen wenigerSie ist nicht die einzige deutsche Athletin, die unter der Wettbewerbsreform von London leidet. Insgesamt 40 Wettbewerbe wurden aus dem Programm genommen. Darunter der Fünfkampf und der Weitsprung für Oberschenkelamputierte. Hier haben der sehbehinderte Berliner Thomas Ulbricht sowie Wojtek Czyz und Heinrich Popow richtig gute Medaillenchancen. „Durch die Streichungen entgehen dem DBS rund zehn Medaillen“, prophezeit Ralf Otto.Marianne Buggenhagen überlegt jetzt sogar, ihre Karriere bis zu den Spielen in Rio zu verlängern. Sie wäre dann 64. Eigentlich sollte ja nach London Schluss sein. „Ich habe erfahren, dass Diskus 2016 wieder voll im Programm ist“, so Buggenhagen.
23.08.2012
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„Ich bin schwer enttäuscht und fühle mich immer noch betrogen.”Marianne Buggenhagen
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„Durch die Streichungen entgehen dem DBS rund zehn Medaillen.”Marianne Buggenhagen



