Gewichtheben - Matthias Steiner
Knuddeln bis der Arzt kommt
VideoMatthias Steiner: Der Held der Herzen
von Maik Rosner
Gewichtheber Matthias Steiner spürt die Last des Olympiasiegers, von dem heute in der Klasse über 105 Kg wieder Großes erwartet wird – dabei geht es nur nebenbei um seine Leistung.
Matthias Steiner erzählt diese Geschichte nicht gerne. Es war ja eine der unangenehmeren Sorte, wenngleich bei weitem nicht die schlimmste. Diesmal muss er sich nur ein bisschen selber durch den Kakao ziehen, wenn er von jenen Tagen Ende Mai berichtet, als seine Rückenmuskulatur blockierte und sie vier Stunden brauchten, um ihn aus der Halle zu hieven. Jede auch noch so kleine Bewegung schmerzte höllisch, Steiner wiegt zudem inzwischen 150 Kilogramm. Das machte die Sache kompliziert. Vor allem aber bedeutete dieser schwere Hexenschuss für den Gewichtheber die nächste unfreiwillige Pause in der Vorbereitung auf seinen Wettkampf heute bei den Olympischen Spielen in Londons Messezentrum ExCel.
"In halbwegs guter Verfassung"
Die Geschichte ist jetzt wichtig, wenn die Fragen kommen. Die Fragen danach, was von ihm zu erwarten ist, vier Jahre nach seinem Olympiasieg von Peking. Steiner sagt: „Ich bin in halbwegs guter Verfassung hergekommen, aber nicht in der Verfassung von Peking.“ Der Gewinn einer Medaille sei „eher unwahrscheinlich“. Das klingt sehr zurückgenommen für den stärksten Mann der Welt. Als der firmiert der Superschwergewichtler ja seit jenem 19. August 2008, als er Gold gewann und zum Gesicht der Spiele aufstieg.
Doch diesmal ist einfach zu viel schiefgegangen in den vergangenen Monaten. Immer wieder musste er mit dem Training aussetzen. Besonders schlimm traf es Steiner im September. Die Quadrizeptssehne am linken Knie riss ein, er musste operiert werden. Wieder gingen drei wertvolle Trainingsmonate verloren. Wegen des damit „einhergehenden Kraftverlustes katastrophal“ sei eine solche Verletzung für Gewichtheber, erklärt Steiner. Der Oberschenkelmuskel sei „so etwas wie der Herzmuskel des Gewichthebers“, der müsse auf den Punkt genau trainiert sein, da die größte Kraft aus den Beinen komme. Steiner hat diesen Punkt wohl nicht mehr erreicht, die Zeit war zu knapp.
"461" als Markenzeichen
Damals in Peking schaffte er 461 Kilogramm im Zweikampf, 203 Kilogramm im Reißen, 258 im Stoßen. Seinen Autogrammen fügte er danach gern die 461 hinzu. Ein Markenzeichen, wie einst die Trikotnummer 23 des Basketballers Michael Jordan. Steiners persönliche Bestleistung liegt gar bei 468 Kilogramm. Doch davon ist er derzeit wohl ein ganzes Stück weit entfernt. 424 Kilogramm in diesem Jahr, mehr war bisher nicht drin. Gemeldet für den heutigen Zweikampf hat er trotzdem einen Eröffnungswert von 445 Kilogramm. Das finden manche mutig.
Er und Trainer Frank Mantek setzen dabei auf seine Qualität, da zu sein, wenn es darauf ankommt. Die Kraftwerte stimmen ja durchaus hoffnungsvoll. Im Training stellte Steiner einen persönlichen Rekord in der Kniebeuge auf. Genaues weiß man nicht, „aber die athletische Basis ist da“, sagt Mantek. Vieles könne passieren in so einem Wettkampf. Und natürlich sei er „kein 08/15-Athlet." Aber "wer Gold oder einen Weltrekord erwartet, der hat keine Ahnung“, sagt Steiner. Er spürt jetzt auch die Last eines Olympiasiegers, von dem wieder Großes erwartet wird.
Wie Steiner zum Boulevardsportler wurde
Vor allem aber geht es nun erneut um jene Geschichte, um die bei weitem schlimmste, die Steiner eigentlich berühmt werden ließ. Nicht seine enorme Leistung machte ihn zum Gesicht der Spiele 2008, sondern sein großer Schicksalschlag. Seine erste Frau Susann war bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Bei der Siegerehrung in Peking hielt er ein Foto von ihr hoch und widmete ihr die Medaille.
Ganz Deutschland wollte ihn damals herzen und knuddeln, diesen kräftigen Burschen mit den Pausbacken, dem wonnigen Gemüt und dem rührenden Schicksal. Das bewegte die Menschen, sie fühlten mit ihm. Doch danach hat man ihn beinahe zu Grunde geknuddelt, in Talkshows und Magazinen, überall wurde er herumgereicht. „Ich wollte lange nicht wahrhaben, ein Boulevardsportler geworden zu sein“, hat er dem Spiegel neulich gesagt. Geschmeichelt hatte ihm die plötzliche Prominenz durchaus. Erst später verstand er, dass er weniger wegen seiner sportlichen Leistung Einlass in die Gesellschaft gefunden hatte, sondern weil sich sein Schicksal so gut ausschlachten ließ.
Fragen nach seiner verunglückten Frau
Irgendwann war er es leid und schrieb ein Buch, damit er nicht mehr ständig all die Fragen beantworten muss nach seiner verunglückten Frau. Jeder konnte seine Geschichte nun nachlesen. Doch jetzt, vor seinen dritten Olympischen Spielen, wurden diese Fragen wieder gestellt, von denen Steiner glaubte, dass sie nun wirklich alle längst beantwortet seien. Auch seine zweite Frau Inge, die Steiner kurz nach seinem Olympiasieg kennenlernte, ist vor London Teil der wieder aufgelebten Aufmerksamkeit geworden. Wie sie mit dem Schicksal ihres Mannes umgehe, wurde sie gefragt. Und ob er diesmal ein Foto von ihr auf der Heberbühne vorzeigen werde, solche Sachen. Es ging schon wieder kaum um Steiners Leistungen.
07.08.2012
Gewichtheber Matthias Steiner spürt die Last des Olympiasiegers, von dem heute in der Klasse über 105 Kg wieder Großes erwartet wird – dabei geht es nur nebenbei um seine Leistung.
Matthias Steiner erzählt diese Geschichte nicht gerne. Es war ja eine der unangenehmeren Sorte, wenngleich bei weitem nicht die schlimmste. Diesmal muss er sich nur ein bisschen selber durch den Kakao ziehen, wenn er von jenen Tagen Ende Mai berichtet, als seine Rückenmuskulatur blockierte und sie vier Stunden brauchten, um ihn aus der Halle zu hieven. Jede auch noch so kleine Bewegung schmerzte höllisch, Steiner wiegt zudem inzwischen 150 Kilogramm. Das machte die Sache kompliziert. Vor allem aber bedeutete dieser schwere Hexenschuss für den Gewichtheber die nächste unfreiwillige Pause in der Vorbereitung auf seinen Wettkampf heute bei den Olympischen Spielen in Londons Messezentrum ExCel.
Ab 20 Uhr im Livestream
Matthias Steiner, Olympiasieger von Peking, Welt- und Europameister, will im Superschwergewicht noch einen draufsetzen und sich wieder Gold sichern.
Matthias Steiner, Olympiasieger von Peking, Welt- und Europameister, will im Superschwergewicht noch einen draufsetzen und sich wieder Gold sichern.
"In halbwegs guter Verfassung"
Die Geschichte ist jetzt wichtig, wenn die Fragen kommen. Die Fragen danach, was von ihm zu erwarten ist, vier Jahre nach seinem Olympiasieg von Peking. Steiner sagt: „Ich bin in halbwegs guter Verfassung hergekommen, aber nicht in der Verfassung von Peking.“ Der Gewinn einer Medaille sei „eher unwahrscheinlich“. Das klingt sehr zurückgenommen für den stärksten Mann der Welt. Als der firmiert der Superschwergewichtler ja seit jenem 19. August 2008, als er Gold gewann und zum Gesicht der Spiele aufstieg.
Doch diesmal ist einfach zu viel schiefgegangen in den vergangenen Monaten. Immer wieder musste er mit dem Training aussetzen. Besonders schlimm traf es Steiner im September. Die Quadrizeptssehne am linken Knie riss ein, er musste operiert werden. Wieder gingen drei wertvolle Trainingsmonate verloren. Wegen des damit „einhergehenden Kraftverlustes katastrophal“ sei eine solche Verletzung für Gewichtheber, erklärt Steiner. Der Oberschenkelmuskel sei „so etwas wie der Herzmuskel des Gewichthebers“, der müsse auf den Punkt genau trainiert sein, da die größte Kraft aus den Beinen komme. Steiner hat diesen Punkt wohl nicht mehr erreicht, die Zeit war zu knapp.
"461" als Markenzeichen
Damals in Peking schaffte er 461 Kilogramm im Zweikampf, 203 Kilogramm im Reißen, 258 im Stoßen. Seinen Autogrammen fügte er danach gern die 461 hinzu. Ein Markenzeichen, wie einst die Trikotnummer 23 des Basketballers Michael Jordan. Steiners persönliche Bestleistung liegt gar bei 468 Kilogramm. Doch davon ist er derzeit wohl ein ganzes Stück weit entfernt. 424 Kilogramm in diesem Jahr, mehr war bisher nicht drin. Gemeldet für den heutigen Zweikampf hat er trotzdem einen Eröffnungswert von 445 Kilogramm. Das finden manche mutig.
ZITAT
„Aber wer Gold oder einen Weltrekord erwartet, der hat keine Ahnung.”Matthias Steiner
Wie Steiner zum Boulevardsportler wurde
Vor allem aber geht es nun erneut um jene Geschichte, um die bei weitem schlimmste, die Steiner eigentlich berühmt werden ließ. Nicht seine enorme Leistung machte ihn zum Gesicht der Spiele 2008, sondern sein großer Schicksalschlag. Seine erste Frau Susann war bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Bei der Siegerehrung in Peking hielt er ein Foto von ihr hoch und widmete ihr die Medaille.
Ganz Deutschland wollte ihn damals herzen und knuddeln, diesen kräftigen Burschen mit den Pausbacken, dem wonnigen Gemüt und dem rührenden Schicksal. Das bewegte die Menschen, sie fühlten mit ihm. Doch danach hat man ihn beinahe zu Grunde geknuddelt, in Talkshows und Magazinen, überall wurde er herumgereicht. „Ich wollte lange nicht wahrhaben, ein Boulevardsportler geworden zu sein“, hat er dem Spiegel neulich gesagt. Geschmeichelt hatte ihm die plötzliche Prominenz durchaus. Erst später verstand er, dass er weniger wegen seiner sportlichen Leistung Einlass in die Gesellschaft gefunden hatte, sondern weil sich sein Schicksal so gut ausschlachten ließ.
Fragen nach seiner verunglückten Frau
Irgendwann war er es leid und schrieb ein Buch, damit er nicht mehr ständig all die Fragen beantworten muss nach seiner verunglückten Frau. Jeder konnte seine Geschichte nun nachlesen. Doch jetzt, vor seinen dritten Olympischen Spielen, wurden diese Fragen wieder gestellt, von denen Steiner glaubte, dass sie nun wirklich alle längst beantwortet seien. Auch seine zweite Frau Inge, die Steiner kurz nach seinem Olympiasieg kennenlernte, ist vor London Teil der wieder aufgelebten Aufmerksamkeit geworden. Wie sie mit dem Schicksal ihres Mannes umgehe, wurde sie gefragt. Und ob er diesmal ein Foto von ihr auf der Heberbühne vorzeigen werde, solche Sachen. Es ging schon wieder kaum um Steiners Leistungen.



