Fans lassen sich Spaß nicht verderben
von Jonathan Sachse, La ToussuireDrei Bergankünfte gibt es bei dieser Tour. Vogesen, Alpen, Pyrenäen - an jedem Schlussanstieg warten tausende Menschen auf die Ankunft der Fahrer. Doch das eigentliche Event findet vorher statt und erstreckt sich über 24 Stunden wie zum Beispiel in La Toussuire.Am Vorabend des Rennens wird es schon schwierig einen Platz zum Campen zu finden. Wohnmobile belegen jede Parkbucht auf den 18 Kilometern aufwärts zur Skistation La Toussuire. Wer einen Platz für sein Zelt sucht, steht vor einer noch größeren Herausforderung. Es existieren kaum ebene Flächen.
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„Er muss es probieren. Ja, er muss es probieren. Könnte aber ein Selbstmord werden”
Australische Fans zu Evans' Attacke
Abenteuerspielplatz der NorwegerAuf einer größeren Wiese - etwa zwei Kilometer vor dem Ziel - scheint es sich noch am besten zu liegen. Über 30 Zelte stehen hier dicht an dicht. Den Insassen steht eine abschüssige Nacht bevor. Auf dem Gipfel gibt es ein paar sanitäre Anlagen. Viele sparen sich den steilen Fußmarsch zur Toilette. Auf vieles wird verzichtet. Die Belohnung: Ein gigantischer Ausblick über die Alpenlandschaft.
Die Norweger Christian und Gerdjan genießen das Panorama. Mit einem Bierchen stoßen sie auf ihren Urlaubsbeginn an. Ihre Familien übernachten unten im Dorf Saint-Jean-De-Maurienne. Die nächsten Stunden wollen sie "ein kleines Abenteuer" erleben. Über 4.000 Norweger sollen in diesem Jahr die Tour de France begleiten, erzählen sie. Ein optisches Übergewicht haben sie definitiv. Auf jedem Kilometer wehen die roten Flaggen mit dem blauweißen Kreuz.
"Alle sind gedopt - außer den Schweizern"Beide Väter schauen sich ihre erste Tour de France vor Ort an. Am Fernseher verfolgen sie das Rennen schon seit Jahren. Sie erinnern sich an das Jahr 2006, als hier in La Toussuire ein gewisser Floyd Landis im Gelben Trikot komplett einbrach. Die Rundfahrt gewann der Amerikaner trotzdem – für ein paar Tage. Das Gelbe Trikot musste er wegen zu hoher Testosteronwerte kurz nach Tourende zurückgeben.
TV schauen: Fans bei der Tour
Quelle: Jonathan Sachse
Auch hier in den Alpen wird viel über Doping diskutiert. "Alle sind gedopt. Außer den Schweizern", behauptet ein junger Mann über seine Landesgenossen mit einem Augenzwinkern. Vor ein paar Jahren hat er seine Frau kennengelernt und lebt mittlerweile bei ihrer Familie in Dänemark. Kurz nach 9 Uhr sitzt die Familie zu siebt beim Frühstück. An ungedopte Spitzensportler glauben sie nicht. Hier am Berg spiele es für sie aber keine Rolle. Das Event rund um das Rennen zähle.
"Wir wollen wissen, wie sich das anfühlt" Sie erzählen eine Geschichte, die ihren Umgang mit Doping exemplarisch verdeutlichen soll. Im dänischen Fernsehen kommentiert ein Trio die Tour de France. Ein Kulturexperte, ein Sportjournalist und ein ehemaliger Radprofi. Gegen den pensionierten Profisportler existieren massive Dopingvorwürfe. "Ein ganzes Land weiß, dass er gedopt hat", meinen sie zu wissen. Bei dieser Frankreichrundfahrt machen sie sich einen Spaß daraus, indem sie bei jeder Etappe einen Spruch auf den Asphalt schreiben: "Rolf Sörensen er ren" oder auf deutsch "Rolf Sörensen ist sauber." Mit Humor begegnen sie dem Dopingproblem.
Tagsüber füllt sich die Strecke immer mehr mit Menschen. Auf den letzten Kilometern stehen sie später in zwei Reihen. Für Autos ist die Straße schon lange gesperrt. Für den 18-km-Anstieg bleiben nur zwei Optionen: Zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Drei Männer aus Österreich haben sich das volle Programm gegeben. Die letzten 70 Kilometer der Originalstrecke, überwiegend bergauf, sind sie bereits am frühen Morgen geklettert und das aus einem Grund: "Wir wollen wissen, wie sich das anfühlt."
Evans' Attacke verpufftDie Attacke von Cadel Evans am Col de la Croix de Fer bekommen zunächst nur wenige Fans mit. Stille Post. Erst nach ein paar Minuten hat sich die Nachricht rumgesprochen. "Er muss es probieren. Ja, er muss es probieren. Könnte aber ein Selbstmord werden", diskutieren zwei australische Fans, die im Kofferraum ihres PKWs sitzen und dem Radiokommentar lauschen.
Cadel Evans attackiert
Quelle: Jonathan Sachse
Die Besitzer von Wohnmobilen mit Fernsehgeräten finden heute viele Freunde. Ganze Gruppen versammeln sich hier. Die Fahrer sind jetzt bereits am Schlussanstieg. "Wie viele Kilometer noch", wird gefragt. Die Helikopter kommen immer näher und mit ihnen die Fahrer. Weiter unten brüllen die ersten Fans. Wie eine Welle im Stadion zieht sich der Jubel bergauf. Noch zwei Motoräder, dann kommt der Führende.
Sekunden-GlückDer Franzose Rolland zieht vorbei. Das ging schnell. Kurze Zeit später folgt die Gruppe mit dem Gelben Trikot. Wieder nur bleiben wenige Sekunden. Uns so geht es weiter. Selbst die Fahrer mit null Ambitionen für die Gesamtwertung fahren ein Tempo, das keiner der Hobbyfahrer beim morgendlichen Anstieg erreicht hat.
Der Besenwagen fährt vorbei. Es wird kein Fahrer mehr folgen. Wer heute nicht mehr ins Tal muss, beginnt mit der "After-Race-Party". Das eigentliche Rennen sehen die Fans hier in La Toussuire nur wenige Minuten. Das Event am Berg zieht sich über mehrere Tage.